Warum soll man tugendhaft sein?

In diesem Aufsatz werde ich erklären, was die menschlichen Tugenden für Aristoteles sind, wofür ich mich besonders auf sein ergon-Argument beziehen werde, und dann werde ich einige der wichtigsten Gründe, die Aristoteles in der Nikomachischen Ethik gibt, für warum man tugendhaft sein soll, darstellen.

Um die Frage, warum man laut Aristoteles tugendhaft sein soll, zu beantworten, müssen wir erst verstehen, was genau es für Aristoteles bedeutet, tugendhaft zu sein, und wie sein Begriff von Tugend sich von dem Begriff, den wir heutzutage als Tugend bezeichnen, unterscheidet. Das Wort der alten Griechen für die Tugend lautet aretḗ. Es gibt zwei Sinne, in den aretḗ in der NE benutzt wird: aretḗ, als das Wort, das die anderen Zeitgenossen von Aristoteles (andere Philosophen, Adlige, Politiker, die Menge) benutzten, und aretḗ als Fachbegriff von Aristoteles, den er im Laufe des Buches schrittweise definiert und von dem anderen Sinn abgrenzt.

Für die Zeitgenossen von Aristoteles bedeutete, aretḗ zu haben, eine Art von Vortrefflichkeit in Bezug auf die eigene Funktion zu besitzen. [1] Zum Beispiel konnte ein Krieger aretḗ besitzen, wenn er ein sehr geschickter Krieger war. Ähnlich konnte ein Mathematiker aretḗ besitzen, wenn er ein geschickter Mathematiker war. Weiterhin war aretḗ nicht eine exklusive Qualität des Menschen, sondern aretḗ konnte auf beliebige Arten von Objekten angewendet sein, mindestens wenn diese Objekte eine Art von einer Funktion hatten. Zum Beispiel konnte in einem altgriechischen Kontext ein Stuhl aretḗ besitzen, wenn der Stuhl seine Funktion als Stuhl hervorragend erfüllte (er war angenehm, stabil, beständig etc.). Also bezeichnet Tugend (aretḗ) für die Altgriechen normalerweise eine Art von Vortrefflichkeit und im Unterschied zu dem modernen Gebrauch des Wortes, der von Christentum beeinflusst wurde, nicht unbedingt eine moralische Qualität.

Aber die allgemeine Bedeutung des Wortes aretḗ bezieht sich nur auf einige individuelle Aspekte von einer Person (die Person ist geschickt in etwas, die Person verhält sich gut in einigen Situationen, etc.). Gibt es dann hingegen die Möglichkeit, allgemein tugendhaft zu sein, wenn jemand den Menschen als Ganzes betrachtet, sodass man dann ein ganzheitliches Urteil machen kann, wie z.B.: „Ja, jene Person ist tugendhaft“ oder „Nein, jene Person ist nicht tugendhaft“ ? Ein Weg, diese Frage zu antworten, wäre zu sagen, dass wenn eine Person genügend Tugenden besitzt, dann ist diese Person tugendhaft. Aber das nimmt an, dass eine Person nichts mehr als die Summe seiner Teile ist und dass jeder Teil seine eigene Tugend hat, wohingegen ein Mensch komplex genüg ist, um die Annahme zu verdienen, dass er viel mehr als nur eine Reihe von unabhängige individuelle Teile ist. Ein anderer Weg, die Frage „Was ist es für einen Menschen als Ganzes tugendhaft zu sein?“ zu antworten, ist ein Weg, der für komplexe Objekte mit emergenten Eigenschaften wie der Mensch besser geeignet ist, nämlich den Menschen als Ganzes zu behandeln und als ob er ein normales Objekt wäre, und zu fragen, was seine Funktion ist, um zu bestimmen, was seine spezifische idiosynkratische aretḗ ist. Um ein solches Urteil zu machen, man muss erst identifizieren, was die Funktion eines Menschen ist, sodass man dann beurteilen kann, ob ein Mensch diese Funktion gut erfüllt oder nicht. Das ist meiner Meinung nach, was Aristoteles in seinem ergon-Argument versucht zu tun, indem er in Buch I Kapitel 6 (NE 1097b 20 – 1098a 20) die Funktion (ergon) eines Menschen bestimmt, sodass er dann identifizieren kann, was das Gute für den Menschen als Ganzes ist und entsprechend was die menschliche Tugend (aretḗ) ist.

Das ergon-Argument läuft folgendermaßen: wenn Menschen eigentlich eine bestimmte Funktion haben, dann müssen wir ihre eigene spezifische (idios) Funktion suchen (I.6 1097b 20-30), die den Mensch von anderen Lebewesen trennt (I.6 1097b 30 – 1098a 1). Der Teil des Menschen, der sich mit Ernährung und Wachstum beschäftigt, hat der Mensch mit den Tieren gemeinsam, also sie ist nicht eine eigene spezifische Funktion des Menschen (I.6 1097b 30 – 1098a 5). Eine Funktion, die nur Menschen ausführen können, ist eine Tätigkeit des Teils der Seele, die Vernunft besitzt (logon echon) (I.6 1098a 1-5). Dieser Teil ist weiter in zwei Teile geteilt:  einen Teil, der die Vernunft per se ist (logos), und einen Teil, der der Vernunft sozusagen zugehört aber nicht immer gehorcht (das Strebevermögen, orektikon) (I.6 1098a 1-10; Anmerkung I.64 von U. Wolf). Deshalb, was auch immer die eigentümliche Funktion des Menschen ist, diese Funktion wird eine Tätigkeit des vernünftigen Teils der Seele einschließen (I.6 1098a 5-10).  Wenn wir dann annehmen, dass die Funktion des guten Menschen ist, diese Tätigkeit (unter anderen) gut und werthaft (kalos) auszuführen, und wenn eine Tätigkeit gut auszuführen heißt, diese Tätigkeit gemäß seiner aretḗ auszuführen, dann folgt für Aristoteles, dass das Gute für den Menschen eine Tätigkeit der Seele gemäß der eigentümlichen Tugend ist, und falls es mehr als eine Art von menschlicher aretḗ gibt, dann die Art, die die Beste und am meisten ein abschließendes Ziel (teleios) ist (I.6 1098a 5-20). [2]

Aus dem ergon-Argument können wir einige sehr interessante Bemerkungen über Aristoteles‘ Auffassung von aretḗ und eudaimonia machen.

Erstens ist Aristoteles daran interessiert, was das spezifische Gut (und damit eudaimonia) für die Menschen ist, und nicht darin was das Gute allgemein oder an sich selbst ist. Wie er in seiner Kritik von der platonischen Konzeption des Guten (NE I.4) argumentiert, ist das Gute nicht etwas Universelles, sondern gibt es mehrere verschiedenen Arten von Güten, die auf verschiedene Sachen anwendbar sind. Das Gute für die Menschen ist nicht dasselbe als das Gute für einen Fuchs oder für einen Stuhl. Man kann das ergon-Argument von Aristoteles kritisch interpretieren, indem Aristoteles scheint, Menschen nur mit dem Teil ihrer Seele, der Vernunft besitzt, zu identifizieren. So scheint die Konklusion zum Beispiel zu sein, wenn Aristoteles später in Buch I.13 schreibt: „Mit «menschliche Gutheit» bezeichnen wir nicht die Gutheit des Körpers, sondern die der Seele“ (1102a 15-20). Andererseits kann man das ergon-Argument auch wohlwollender interpretieren, indem Aristoteles scheint, die Eigenarten (idiosyncracies), die das Gute für die Menschen von anderer Arten von Güter oder von einem allgemeinen Gut differenzieren, zu suchen, sodass er dann die Besonderheiten eines solchen Gutes mehr genau bestimmen und analysieren kann.

Zweitens führt Aristoteles hier zwei wichtige Annahmen, die er später mehrmals implizit benutzen wird, ein. Die erste Annahme lautet, dass die Funktion (ergon) eines guten Menschen ist, gut und werthaft (kalos) zu handeln (I.6 1098a 10-15). Die zweite Annahme ist, dass jemand gut handelt, wenn er gemäß seiner eigentümlichen aretḗ handelt (I.6 1098a 15-20). Da Aristoteles später in zahlreichen Kontexten (z.B.: III.6 1113a 25-35, V.13 1143b 20-25, IX.4 1166a 10-15) sagt, dass um tugendhaft zu handeln, man soll als der gute (spoudaios) Mensch handeln, heißt das wegen der ersten Annahme, dass man gut und werthaft handeln soll, um tugendhaft zu handeln. Da gut zu handeln laut der zweiten Annahme heißt, gemäß der eigentümlichen Tugend zu handeln, bringt in dieser Hinsicht der Vergleich mit dem guten Menschen uns nichts Neues, aber dass man auch werthaft handeln muss, um tugendhaft zu handeln, ist etwas Neues und repräsentiert ein Hauptstück der ganzen ethischen Theorie von Aristoteles.

Drittens gibt es entsprechend den Teilen der menschlichen Seele, die Vernunft besitzen und in dem ergon-Argument erstmal präzisiert geworden sind, zwei Arten von menschlicher Tugend. Für die Vernunft (logos) gibt es die Tugenden des Denkens (dianoetike) und für das Strebevermögen (orektikon) gibt es die Tugenden des Charakters (ethike) (I.13 1103a 1-10). Diese sind die zwei Arten von menschlicher Tugend, die laut Aristoteles eine tugendhafte Person besitzen soll. Die Tugenden des Denkens sind nur zwei, Klugheit und Weisheit (VI.2 1139b 10-15, VI.12 1143 15-20), während die Tugenden des Charakters zahlreiche sind: Tapferkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit, Großzügigkeit, Stolz, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Gewandtheit, Freundlichkeit, Schamhaftigkeit, Gerechtigkeit, usw. (II.7 1107a 25 – 1108b 10).[3]

Nun, da wir erklärt haben, was Aristoteles unter menschlichen Tugenden versteht, sollen wir seine impliziten und expliziten Argumente dafür, warum jemand tugendhaft sein soll, betrachten.

Der wichtigste Grund, der Aristoteles gibt, wofür man tugendhaft sein soll, ist, dass, um eudaimonia zu erreichen und eudaimon zu sein, man tugendhaft sein muss. Genauer gesagt ist eudaimonia „eine bestimmte Tätigkeit der Seele im Sinn der Gutheit (aretḗ)“ (I.13, 1102a 5-10). Weiterhin ist eudaimonia laut Aristoteles das höchste Gut (I.2, 1095a 15-20), das man durch Handeln erreichen kann (prakton agathon), und „das Ziel allen menschlichen Tuns“ (X.6 1176 30-35). Zusätzlich ist eudaimonia auch „das Beste (ariston), Werthafteste (kaliston) und Erfreulichste (hḗdiston)“ Tätigkeit, oder mindestens ist die eine davon (I.10 1099a 20-30).  Deshalb, um das Endziel (eudaimonia) von unserem Leben zu erreichen, und damit auch das höchste durch Handel erreichbare Gut zu bekommen, ein Gut, das auch werthaft und erfreulich ist, müssen wir tugendhaft sein.

Man kann weitere Gründe im Buch I finden, weshalb man tugendhaft sein soll. Eine Tugend zu besitzen ist etwas Wünschenswertes auch für sich selbst als abschließendes Ziel (I.5, 1097b 1-5). Wenn man Tugendhaft ist, dann wird man von seinen Mitbürgern und anderen Menschen gelobt. Im Gegensatz dazu, wenn man Lasterhaft ist, wird man getadelt (I.12, 1101b). In Buch I (z.B. in dem ergon-Argument) kann man auch die ersten Indizien von der engen Verbindung zwischen das Werthafte und Tugend finden. Später wird es im Laufe der NE klar, dass wenn man tugendhaft ist, man viele werthafte Taten erringen wird: „Die Betätigungen der Tugend sind werthaft und werden um des Werthaften willen getan.“ (VI.2, 1120a 20-25).

Die Tugenden des Denkens sind auch günstig. Klugheit zu besitzen ist sehr vorteilhaft, denn das würde implizieren, dass man die Fähigkeit (oder mindestens einen wichtigen Teil der Fähigkeit) hat, gute, gerechte und werthafte Ziele zu erreichen (VI.13 1143b 20-25). Die andere Tugend des Denkens bringt auch große Vorteile: wenn man Weisheit besitzt, kann man an etwas Göttlichen teilhaben (VII.7 1177b 25-35).

Noch einen sehr wichtigen Grund, warum man tugendhaft sein soll, ist dass, nur wenn man tugendhaft ist, kann man laut Aristoteles in der vollkommenen Freundschaft teilnehmen. Eine solche Freundschaft ist beständiger als die anderen Arten von Freundschaft (VIII.5 1156b 30-35) und in einer vollkommenen Freundschaft bekommt man alles was er von der anderen Person in einer Freundschaft bekommen soll (VIII.5 1156b 30-35).  Zusätzlich wird in dieser Art von Freundschaft man für sich selbst geschätzt, und nicht nur weil er für etwas angenehm oder vorteilhaft benutzt werden kann (VIII.4 1156b 5-15).[4]

Zum Schluss ist es interessant zu bemerken, dass Aristoteles mehrere heterogene Gründe dafür gibt, warum man tugendhaft sein soll. Es ist nicht nur wegen des Glücks, dass man die menschlichen Tugenden besitzen soll, sondern diese Tugenden bringen auch zahlreiche Vorteile für ihren Besitzer. Deswegen gibt es mehrere Einstiegspunkte für die Leser in der Nikomachischen Ethik, und auch wenn man nicht von dem ergon-Argument überzeugt ist oder nicht in eudaimonia interessiert ist, kann man trotzdem darin andere interessante praxisrelevante Ratschläge beim sorgfältigen Lesen finden.


Fußnoten

[1] Die folgende Erklärung des Begriffs aretḗ ist laut meinem eigenen Verständnis des Begriffs, das unter anderen von U. Wolfs Erklärung von aretḗ (NE S. 348, Anmerkung I.44) und von der Erklärung des Begriffs in der Vorlesung von Herrn Prof. Dr. Brüllman beeinflusst geworden ist.

[2]  Aristoteles fügt dann hinzu, dass für diese Tätigkeit die Beste für die Menschen zu sein, muss sie auch über ein ganzes Leben ausgeführt werden, da ein Tag zu kurz ist, um zu bestimmen, ob jemand eudaimon ist. (NE I.6 1098a 15-20)

[3] Mit diesen Grundlagen gelegt, können wir auch die Definitionen, die Aristotles gibt, für die zwei Arten der menschlichen Tugend, betrachten. Er definiert die Tugenden des Charakters als “eine Disposition (hexis), die sich in Vorsätzen äußert (prohairetike), wobei sie in einer Mitte liegt, und zwar der Mitte in Bezug auf uns, die bestimmt wird durch die Überlegung (logos), das heißt so, wie der Kluge (phronimos) sie bestimmen würde.” (Buch II.6, 1107a). Später definiert er in Buch VI auch die Tugenden des Denkens: “Für beide Teile [der Vernunft] wird daher ihre Gutheit jeweils in derjenigen Disposition bestehen, vermöge deren sie am meisten die Wahrheit treffen.” (VI.2, 1139b). Genauer gesagt ist die Tugend für den Teil der Vernunft, der sich mit unveränderlichen Sachen sich beschäftigt, Weisheit und für den Teil der Vernunft, der sich mit veränderlichen Sachen sich beschäftigt, Klugheit (VI.2 1139a, 1139b).

[4] Die drei Eigenschaften der vollkommenen Freundschaft sind aus meinen abgegebenen Lektürenotizen für das Tutorium herausgenommen und hier weiterentwickelt und dargestellt.


Literaturverzeichnis

  • Nikomachische Ethik – geschrieben von Aristoteles, übersetzt und herausgegeben von Ursula Wolf, 5. Auflage (März 2015), veröffentlicht im Rowholt Taschenbuch Verlag.
Das Essay wurde ursprünglich für das HU SoSe 2017 Nikomachische Ethik Tutorium geschrieben. Diese Version schließt die Korrekturen der Tutorin, wofür ich sehr dankbar bin, ein.

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