Lektürenotizen – Nikomachische Ethik – Lust (VII 13)

Frage 1. In der ersten Abhandlung zur Lust im VII. Buch im 13. Kapitel führt Aristoteles einige Differenzierungen ein, die es ihm ermöglichen, u.a. auf die Frage zu antworten, ob die Lust ein Gut sein kann und muss, oder vielleicht sogar das höchste Gut darstellt. Macht euch diese Differenzierungen (ggf. anhand von Beispielen) bewusst! Was bedeutet es, wenn etwas “gut überhaupt” und “gut für jemanden” ist? Was ist lustvoll schlechthin und was nur akzidentell? Was ist gemeint mit der Differenz zwischen Disposition und Tätigkeit?

Eine Lust, die gut für jemanden ist, ist eine Lust, die gut für eine Person in einer bestimmten Situation / seelischen Verfassung / etc. ist, aber nicht unbedingt gut für alle Personen in allen Situationen. Eine Lust, die gut überhaupt ist, ist eine Lust die immer für alle Personen und alle Situationen gut und wählenswert ist, auch wenn diese Lust vielleicht nicht wählenswert oder als etwas schlecht zu einer individuellen Person erscheint.

Lustvoll schlechthin ist die Lust, die eine Tätigkeit, die aus einer „unversehrt gebliebenen Disposition und Natur“ entspringt, begleitet (1152b 35). Akzidentell Lustvoll ist eine Lust, die nur vorübergehend als Lust tritt, wegen eines Bedarfs eines Menschen. Zum Beispiel, man hat manchmal Lust auf etwas bitter oder sehr salzig, weil etwas in sich fehlt, aber wenn man genug salzig und bitter gegessen hat, bekommt man keine Lust mehr von diesen Sachen. Weiterhin, wenn eine Disposition sehr versehrt ist oder seine Natur sehr mangelnd, kann man auch Lust von Dingen, die normalerweise gar Unlustvoll scheinen, bekommen. In Kontrast sind die Lüste, die schlechthin lustvoll sind, immer (für die wirklich gute Person und seelische Verfassung) lustvoll, wie z.B. laut Aristoteles das Betrachten. Betrachten ist nicht wegen eines Mangels oder etwas fehlend in unserer Natur lustvoll, sondern weil irgendwie das Betrachten an sich Lustvoll ist.

In dieser Passage verstehe ich Dispositionen als Zustände, die sich uns zu einer bestimmten Tätigkeit (Handlung, Aktion) neigen und sich ändern können. Dispositionen können laut Aristoteles unversehrt oder versehrt geblieben sein. Beispiele für versehrte Dispositionen wären nach meinem Verständnis des Textes: hungrig zu sein, durstig zu sein, salzgierig zu sein, etc. Dann, wenn man eine bestimmte Tätigkeit ausübt (wie z.B. Essen, Trinken, etwas salzig Essen), verändern sich diese versehrten Dispositionen in unversehrten Dispositionen (nicht hungrig zu sein, nicht durstig zu sein, nicht salzgierig zu sein).


Literaturverzeichnis

  • Nikomachische Ethik – geschrieben von Aristoteles, übersetzt und herausgegeben von Ursula Wolf, 5. Auflage (März 2015), veröffentlicht im Rowholt Taschenbuch Verlag

Die Lektürnotizen wurden ursprünglich für das HU SoSe 2017 Nikomachische Ethik Tutorium geschrieben. Die Fragen sind von der Tutorin gestellt.

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