Lektürenotizen – Nikomachische Ethik – Freundschaft (VIII, IX)

Frage 1. Wie definiert Aristoteles die Freundschaft? Welche Kriterien müssen in einer Beziehung erfüllt sein, um von Freundschaft zu sprechen? Wie werden diese Kriterien begründet?

Aristoteles definiert Freundschaft als gegenseitiges Wohlwollen, das nicht verborgen bleibt und wegen eines der von ihm drei genannten Gründe (1156a 1-5) entstanden ist. Unter Wohlwollen wird es verstanden, dass jeder Freund dem anderen um seiner selbst willen Gutes wünscht (1155b 30-35). Die drei von ihm genannten Gründe für die Liebe (und dadurch die Freundschaft) sind: das Gute, das Angenehme, und das Nützliche (1155b 15-30).

Um das zu begründen, gibt es eine implizite Annahme bei Aristoteles, dass der Freund (philos) liebenswert (philḗton) ist. Dann, um zu sehen, in welche Situationen jemand uns ein Freund sein könnte, erkundigt Aristoteles, in welche Situationen ein Gegenstand uns als liebenswert erscheinen kann. Er identifiziert Gegenstände, die gut, angenehm oder nützlich sind, als liebenswert (1155b 15-30), und dadurch bestimmt auch die Arten von Menschen, die uns Freunden sein könnten.

Dass man seinem Freund um seiner selbst willen gut wünschen muss, scheint eine Bedingung zu sein, die aus einer impliziten Annahme hergeleitet wurde. Weiterhin, dass es eine notwendige Bedingung der Freundschaft ist, dass das Wohlwollen erwidert ist, scheint auch eine implizite Annahme zu sein. Man könnte auch die entsprechende Passage (1155b 25 – 1156a 5) lesen, sodass man die Annahmen versteht, als begründet, in wem die Leute als „Freundschaft“ und „Wohlwollend“ eigentlich in Praxis bezeichnen: „Diejenigen, die in dieser Weise Gutes wünschen, nennt man wohlwollend“, „denn das Wohlwollen, das gegenseitig ist, nennt man Freundschaft“, „wie könnte man sie Freundschaft nennen, wenn sie von ihrem gegenseitigen Verhältnis nichts wissen?“. Dann würden diese impliziten Annahmen eigentlich empirisch begründet sein.

 

Frage 2. Was ist die vollkommene Freundschaft und was macht sie vollkommen? Wer kann die vollkommene Freundschaft haben?

Aristoteles gibt eine Definition der vollkommenen Freundschaft an dem Anfang des Kapitels VIII.4: „Die vollkommene Freundschaft aber ist die Freundschaft zwischen Menschen, die gut und gleich an Tugend sind.“ (1156b 5-10). Die ist vollkommen (teleios) wegen mehrerer Gründe:

  • Die ist am meisten von allen Arten der Freundschaft beständig (1156b 30-35).

  • In dieser Art von Freundschaft „bekommt jeder in allen Hinsichten vom anderen dasselbe oder etwas Ähnliches, wie es eben unter Freunden geschehen soll“ (1156b 30-35).

  • Die Freunde wünschen einander um ihren selbst willen Gutes wegen ihrer eigenen Beschaffenheit und nicht wegen anderer Gründe (1156b 5-15).

Nur gute und tugendhafte Menschen können diese Freundschaft miteinander haben. (1156b 5-10).


Literaturverzeichnis

  • Nikomachische Ethik – geschrieben von Aristoteles, übersetzt und herausgegeben von Ursula Wolf, 5. Auflage (März 2015), veröffentlicht im Rowholt Taschenbuch Verlag

Die Lektürnotizen wurden ursprünglich für das HU SoSe 2017 Nikomachische Ethik Tutorium geschrieben. Die Fragen sind von der Tutorin gestellt.

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